Glauben heißt, nichts wissen! Oder?

Häufig, wenn ich mit Leuten außerhalb der Kirche über meinen Glauben spreche, schlägt mir in irgendeiner Form das gängige Klischee entgegen: „Glauben heißt, nichts wissen!“ Dem wird dann in unserer inzwischen sehr weitgehend von atheistischen Ideen geprägten Gesellschaft die Wissenschaft entgegen gestellt, die ja, wie der Name schon sagt, gesichertes Wissen vermittelt. Diesem Gedankengang liegen zwei Missverständnisse zugrunde. Ich möchte hier auf das eine davon eingehen.

Die Online-Version des Duden definiert „Glauben“ als „gefühlsmäßige, nicht von Beweisen, Fakten o. Ä. bestimmte unbedingte Gewissheit, Überzeugung“. Dies ist die Definition, die die meisten Menschen im Hinterkopf haben, wenn es um das Thema „Glauben“ geht. Ein Blick auf die vom Duden angegebenen Synonyme offenbart jedoch, dass in unserer Sprache gewisse Bedeutungen des Wortes verloren gegangen sind. Synonyme für „Glaube“ sind „Meinung, Überzeugung, Vertrauen, Zuversicht“. Glaube im Sinne von Vertrauen oder Zuversicht ist die Bedeutung, die unseren Vorfahren sicher noch geläufig war, vielen von uns aber inzwischen fremd geworden ist.

Vielleicht hat der eine oder andere von uns noch die Worte eines Geistlichen im Ohr: „Du musst einfach glauben!“ Da glauben ja, nach weit verbreiteter Meinung „nichts wissen“ bedeutet, ist das eine sehr unbefriedigende Aussage. Sie bedeutet dieser Definition gemäß, man soll einfach gewisse Glaubenssätze annehmen, ohne einen Beweis dafür zu verlangen und ohne sie zu hinterfragen. Wenn man jedoch Glauben als Vertrauen definiert, ergibt sich daraus eine völlig andere Aussage. Dann bedeutet diese nämlich, man soll auf diese Grundsätze vertrauen, darauf setzen, dass sie wahr ist. Und dies vielleicht einfach nur für eine begrenzte Zeit, bis sich herausgestellt hat, ob sie einen weiterbringen oder nicht.

Dann sind wir genau bei der Aussage in Alma 32 im Buch Mormon. Dort heißt es im Vers 28: „Nun wollen wir das Wort mit einem Samenkorn vergleichen. Wenn ihr nun Raum gebt, dass ein Samenkorn in euer Herz gepflanzt werden kann, siehe, wenn es ein wahres Samenkorn oder ein gutes Samenkorn ist, wenn ihr es nicht durch euren Unglauben ausstoßt, so dass ihr dem Geist des Herrn Widerstand leistet, siehe, so wird es anfangen, in eurer Brust zu schwellen; und wenn ihr dieses Schwellen spürt, so werdet ihr anfangen, in euch zu sagen: Es muss notwendigerweise so sein, dass es ein gutes Samenkorn ist oder dass das Wort gut ist, denn es fängt an, meine Seele zu erweitern; ja, es fängt an, mein Verständnis zu erleuchten; ja, es fängt an, mir köstlich zu sein.“

Was der Prophet Alma hier beschreibt, ist die Tatsache, dass man gewisse spirituelle Wahrheiten nicht beweisen, sondern nur für sich selbst ausprobieren kann, indem man sie als wahr annimmt und ihnen keinen „Widerstand leistet“. Nach einiger Zeit kommt dann die Phase des Hinterfragens: Was hat diese Wahrheit, die ich angenommen habe, mit mir gemacht? Hat sie mein Verständnis erweitert, hat sie mir Freude bereitet, hat
sie mich im Leben vorangebracht?

Diese Art von Glauben ist alles andere als unkritisch oder naiv. Sie ist einfach notwendig, um Wahrheiten zu überprüfen, die sich der wissenschaftlich-intellektuellen Methodik entziehen. Außerdem ist sie sehr vernünftig und entspricht darüber hinaus auch noch unserer Alltagserfahrung. Wer wissen will, ob Sushi gut schmeckt, wird nicht mit Waage, Maßband und Thermometer an einem Maki-Röllchen herum hantieren. Er wird auch nicht alle möglichen Anhänger und Gegner des Sushi-Verzehrs zu ihrer Meinung befragen. Nein, die einzige Methode, um herauszufinden, ob man Sushi mag, ist, zumindest eines davon in den Mund zu nehmen, intensiv zu kauen, bewusst zu schmecken und dann für sich zu entscheiden, ob es einem schmeckt oder nicht.

So ist es auch mit dem Glauben.

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